Die Sache mit dem Tessin

Eine Zeitspanne, welche mich sicher immer in meinem Leben begleitet und auch recht geprägt hat, war mein Aufenthalt im Tessin, unter anderem auch im Rustico meiner Eltern in Curio (oder doch Pura?).

Gerne erinnert mich die Zeit, eben ganz frisch in die italienische Schweiz gezügelt, hier grosszügigerweise ein provisorisches Dach über dem Kopf gekriegt zu haben. Hier- weit weg von Zivilisation und Komfort- Jeder Flüchtling kriegt heute in unserem Land mehr als ich da. Es war ja such als Ferienhaus gedacht, und nicht als Wohnung. Immerhin hatte es Strom, fliessend (Quell-)Wasser und eine Küche. Für den Anfang zum Fuss fassen reicht das alleweil.

Durch die Frühschicht im Betrieb bin ich zum zeitigen Aufstehen gezwungen- vielmals sind es 12-Stünder, welche wir zu dritt in der Fabrik hinlegen, um die Maschine in Betrieb zu nehmen. Damals die Modernste der Welt, die zweite weltweit montierte Flexodruckmaschine überhaupt. Eine sehr energische, aufreibende und strenge Zeit, teils noch mit nacktem Oberkörper (da hatte ich noch die Figur dazu) bei gefühlten 50 Grad Celsius. Mit Lösemitteln, Farben und technisch fragilen, anfälligen Maschinen. Aber lehrreich und interessant war es alleweil- konnte ich neben neuen Sprachen (italienisch und ticinese!) auch verarbeiten, was in dieser turbulenten Zeit lief, aber dazu später mehr.

Der Entscheid, in Reichweite von Lugano meine Zelte aufzustellen wurde mir etwas erleichtert, hat mir mein Arbeitgeber den gleichen Lohn wie bis anhin zugesichert, sowie ca. 60 Einzellektionen Italienisch bezahlt. Und meine WG ging auch grad eben in die Brüche (ein Thema, an dem ich glaub heute noch gnage manchmal). 

Drum kam der Entscheid im November schnell, denn ich war im Februar bereits in besagtem Rustico. Einmal hatte es soviel Schnee (!), dass es die Stromleitung runterdrückte, und ich bei Kerzenschein und kalter Dusche morgens um vier mich zur Arbeit machen musste. Durch den Schnee notabene. Abends war es immer sehr dunkel und da das Haus mitten im Wald liegt, voll von ungewöhnlichen akustischen Geräuschen. Neben Wildschweinen und Füchsen gab es im Frühsommer auch Schwärme von Glühwürmchen. Wünderschön.

Die erste Zeit war hart, sehr hart. Konnte keiner (so glaubte ich damals) meine Muttersprache, und ich habe mich halt – wie ein Tschinggeli- mit Hand und Fuss irgendwie verständigt. Durch meine (man kann durchaus sagen gute) Affinität zu Sprachen fiel mir der Anschluss dennoch relativ leicht, obwohl ich mehr „Baustellen-italienisch“ lerne, halt die Umgangssprache in dieser Druckerei. 

Ich war nach einem halben Jahr doch soweit, im „cerca e trova“ (einem Immobilienmarktblatt) eine Wohnung zu suchen, da anzurufen (!) und vorbeizugehen. Wollte wieder ein in eigenes Zuhause, mit meinen Sachen. Du merkst erst, was dir fehlt, wenn es dir fehlt…

So habe ich vier/fünf Wohnungen angeguckt, bis ich mein zukünftiges Zuhause in Bosco Luganese fand. 3 1/2 Zimmer mit Balkon für 810.-/Monat! Toll! Über mir der Vermieter, und nebenan ein Päärli. Perfekt.

Durch die schnelle Räumung der WG und der Ungewissheit, obs mir in der Südschweiz gefällt, habe ich mein Hab und Gut in einem gemieteten Keller in der Innerschweiz zwischengelagert. Dazu eine Story, bisher noch unveröffentlicht: Beim Transport der Weinflaschen in der Harasse blieb ich mit dem Fuss hängen, und der ganze Harass kippte die Treppe hinunter, natürlich war diese mit Keramikplatten ausgelegt. Alles zu Bruch, und Alkohol zuhauf!! Sch…..öne Seich!

Das wär ja noch einigermassen leicht zu reinigen, wäre da nicht noch so ein übler Baumwollvorhang aus den ’80ern mit „hübschem“ Muster, welcher am Geländer runterhing, und den dahinterliegenden Stauraum abdeckt. Nun, der Vorhang hat nun noch mehr Muster, ein bitz unregelmässig, aber ja. Die ganze Schoose hat er aufgesogen, das einzig Gute daran. Nicht grad hüpsch, aber ja. Der Geruch war auch ziemlich streng, eine Weinstube im Wallis ist eine frische Brise dagegen. Da ich mich in einem fremden Haus befand und da nur einen Keller mietete, stand ich schön in der Sosse- was tun??

Als erstes mal Durchzug- lüften. So wurden wenigstens die Dämpfe vernichtet. Hier hats doch noch eine Waschmaschine-Yess!! Den Vorhang schnell abgehängt, und mit einem Kaltprogramm gewaschen. Wenn das nur gut kommt… Nur bitz schleudern, damits Wasser nicht tropft und wieder aufhängen. Die Flecken sind weg!! Die Vermieterin hat mich nie drauf angesprochen, ich nehme an, richtig gehandelt zu haben.

Aber äben, kaum hatte ich die 86m2 mit Balkon in Bosco Luganese gemietet, wollte ich meine Möbel holen. Drei Arbeitskollegen und der Firmenbus (!) waren beladen und wir gingen Richtig Gotthard. 

Ich in meinem neuen Cabrio und der fragilen Glasbar auf dem Rücksitz, die anderen im Firmencamion.

Ich durch die Röhre. Die anderen drüber! So ging mein gesamter Bagasch über den Pass- unbegreiflich. Sie haben sich verfahren, der Kommentar…

So bin ich eingezogen, hab mein Reich eingerichtet. Dann schön brav bei der Nachbarin (Italienerin mit schwarzen Haaren) vorgestellt, mein bestes italienisch fürengekratzt. Und als ich fertig war, kam die Antwort im breitesten Solothurnisch: Wir können schon schwiizerdütsch sprechen, wenn du willst. 

Na, soowas!

Es wurde eine schöne Zeit, habe ich amigs dem Vermieter geholfen, alle Jalousien am Haus abzuhängen, mit dem Hochdruckgerät zu reinigen, und die Jalousien wieder aufzuhängen. Es gab immer was ums Haus zu tun, und kleinere Arbeiten wie zum Beispiel Stromern, oder den Rasen mähen, dies macht mir viel Spass. Dafür zeigt er mir, wie man Grappa macht (und gibt mir den Vorlauf zu probieren, eine hochprozentige Sache-So ein Schlitzohr!), nimmt mich zum Grotto mit, welches noch ein Grotto ist. Und man höre und staune, er brachte mir bei, wie man Internet und e-mail benutzt! Mein Padrone, war ein „grande Signore“, ein Mann mit Stil, aber einer Bodenständigkeit, den muss man einfach mögen. Zu der totalen Sonnenfinsternis, welche in dieser Phase stattfand, und ausser dem Tessin alles unter Wolken lag, rief er mich zu sich herauf. Auf seinem Balkon war ein Fernrohr aufgestellt, und vor dem Fernroht hält er seine Sonnenbrille, um durch das Fernrohr zu fotografieren. Es war eine wunderschöne, wunderbare Zeit, wir haben das Unkomplizierte, Einfache geliebt. 

Ich war zu Hause. Mit der Nachbarin wars ebenso unkompliziert, wieviel haben wir gemalt, oder ich gestromert. Und ich durfte bei ihr innendekoratorisch zur Seite stehen. So hatte ich einen Ausgleich zur Arbeit, und konnte helfen. Und war auch nicht ganz so alleine, da unten am Südzipfel der Schweiz.

Ich hatte auch einen „Untermieter“, einen getigerten Kater, vom Padrone mit Long Vehicule benamst, weil er sich so lange ausstrecken konnte. Er brachte mir Mäuse und Amseln nach Hause. Einmal sogar ein Eichhörnchen! Er hat nur bei mir geschlafen, tagsaus war er draussen. Natürlich habe ich eine Katzentreppe mit Balkon gemacht, na logo doch.

So habe ich mich zuhause gefühlt, hab vieles unternommen, war zum Beispiel in wunderschönen tessiner Skigebieten skifahren, habe die umliegenden Wanderwege, Berge, Orte und Märkte besucht und sogar meine Reise nach Neuseeland begann am Flughafen in Agno. Den Millenniumwechsel feierte ich auf der Piazza della Riforma in Lugano. Auch habe ich mich immer über Besuch gefreut. Sogar Grosi und Grospapi kamen mal zum schauen, wies mir bei den Marronispitzern geht!! So gerne ich die Besuche schätze, umso mehr weh hat mich deren Abreise jeweils traurig gemacht. Ich fühlte mich dann oft allein und verlassen.

Trotz fehlendem Nebel, viel Sonne und einer recht guten Gangart wurde ich immer unzufriedener, ich wusste, entweder du bleibst 40 Jahre am selben Job, der selben Stelle. Oder du bildest dich weiter. Ich hab damals mit einer Ausbildung als Innendekorateur geliebäugelt. Die Ausbildung wäre entweder in Mailand oder Zürich. Was mir wieder vor Augen führt, dass der Tessin nicht soweit ist, eine solche Weiterbildung anzubieten. 

Hier ist man weder Fisch noch Vogel, man ist weder Schweizer noch Italiener. Das spiegelte sich auch stark in einem Frust, den ich den Tessinern allgemein zuschreibe: Sie wissen nicht, wohin sie gehören, und fühlen sich von Allen im Stich gelassen. Es wird immer gefrustet, fühlen sich benachteiligt, und sich im Haus verkrochen. Sie stehen sich da selber im Weg. Und dann war da der unsichtbare Druck der Grenze, der Grenzgänger. Eine Situation, ganz neu für mich. 

All diese Gründe haben mich nach gut drei Jahren wieder dazubewogen, mich in meiner Heimat um eine Stelle zu bewerben, und abermals mein Zuhause neu zu suchen.

Mittlerweile ist der Vermieter gestorben, die Nachbarin weggezogen. Auf dem Rasen, wo ich grüne Nüsse vom grossen Nussbaum für meinem Nocino pflücken durfte, zerschneidet heut eine Strasse den ehemals schönen Platz. Auch das Ferienhaus im Malcantone ist nicht mehr verfügbar- mit einem weinenden und einem lachenden Auge haben wir das seltene Ressort, die Tankstelle für schöne und erholsame Zeiten zurückgegeben, wir hoffen, die neue Familie weis das Juwel zu schätzen. Doch doch, ich denke schon.

Ich möchte die Zeit im Tessin nicht missen, es war wunderschön, und ich habe extrem profitieren können, viele interessante Sachen erlebt. 

Sehr gerne gehen wir spontan ein paar Tage ins Luganese, seit dem Jahr halt nicht mehr ins Paradiesli, sondern ins Hotel. Und geniessen, entdecken und shoppen.

Aber arbeiten- das könnte ich mir nicht mehr vorstellen. No, grazie.

Persönliches

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

  1. Schön etwas Geschichte von diesem Rustico zu hören. Danke. Wir genießen unsere Tage dort sehr. Schnee müssen wir erst noch erleben und Wildschweine ebenso … oder sind die Teil der nächtlichen Geräuschkulisse? Schöne Grüsse.

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