Bei den Legionären

Tja.

Eigentlich hätte hier ein Bild und ein Bericht vom Napoleonturm in der Ostschweiz auftauchen müssen. Den wollten wir nämmli besuchen. Da aber die mitausflügelnde Familie treppenmässig ein temporäres Hanicap -sprich Absplitterung der Kniescheibe- einzieht, wäre es eine Tortur gewesen, man hätte ihn da uffen geschleppt. 260 Stufen hoch. Und wieder runter. Also suchen wir eine treppenmässig einfachere und auch kindergerechte Alternative.

Hmmm, was läuft denn so an diesem Tag- Internet sei dank, hat man da eine geeignete Ausweichmöglichkeit gefunden:

Ein römisches Heerlager in Vindonissa, keine Stunde von deheime. Und an diesem Wochenende gibts was Uhspezielles: Etwa 100 Protagonisten stellen den „Abend vor einer römischen Schlacht“ dar, mit allem Drum und Dran was dazu gehört. Dazu später mehr…

Wir waren alle Feuer und Flamme, interessanter wie der Turm mit Aussicht, eine Abwechslung zu den schampar in die Mode gekommenen „Mittelalterfeste“. Die sind zwar amig auch noch kool, aber die Römer waren denen- obwohl im Zeitstrahl längst ausgestorben- um millarium (Meilen) voraus. Und es fand auch grad in erreichbarer Nähe kein Mittelalterfest statt.

Das Wetter verhiess Gutes, 21 Grad, bewölkt, kein Regen. Perfekt!

Wie es halt mit drei Kindern ist, eines ist unerwartet krank geworden Ouuuuunei!… Können es nicht übelnehmen, das ist quasi höhere Gewalt.

Nun, so trotten wir halt zu zweit ins Herz des Aargaus, da wo die grossen Flüsse Aare, Reuss und Limmat zusammenfliessen, ein seit eh geschichtsträchtiger Ort. War eben in Vindonissa eine grosse römische Stadt, welche die Wasserwege strategisch nutzen konnte, und auch die Habsburger hatten hier auf ihrer Burg oben ihren Stammsitz.

Heute ist das Gebiet um Windisch/Brugg geprägt von Eisenbahn, Industrie und viel Grün, Bünzlitum. Nichts Spezielles, Unbekannt und Unscheinbar. Ein Ort, welchen wir ja kürzlich schon mal waren – Brugg hat uns ja sehr angenehm überrascht.

…Aber eben die wirklich grossartige Geschichte. Mit vielen Zeitzeugen. Das einzige römische Lager der Schweiz. Ein Amphitheater. Die Habsburg. Undsoweiterundsofort.

Wir waren schon mal hier, die Klosterkirche von Königsfelden bewundern. Die Gräber der Habsburger, die herrlichen Kirchenfenster, der Ort als Kraftort.

Das Doppelkloster wurde von den Habsburgern auf Überresten des Römischen Heerlagers errichtet und strahlt mit seinem einmaligen Glasmalereizyklus der Kirche weit über die Grenzen.

Heute ist Königsfelden bekannt als psychiatrische Klinik- im Volksmund „Spinnwinde“ genannt. Ein grosser Park und weitläufige Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Konventes sind Bestandteil der Klinik. Vieles wurde bodeneben abgetragen, eine Folge der Klosterauflösung und Überführung in die Psychiatrische Anstalt.

Heute interessiert uns der römische Teil. Man hat zwei Häuser rekonstruiert, wo man erleben kann, wie die Legionäre und ihre Hauptmänner hausten, eindrucksvoll, mal anders wie der ewige trockene Schulstoff. Hier kann man in die Gebäude reingehen. Sieht, wie die Mannen lebten, sich auf die Schlachten vorbereiteten. Wie sie schliefen, assen, werkten. Es gibt auch einen sogenannten Legionärspfad, indem man spielerisch lernt, wie es damals war. Abseits von Internet, Supermarkt, Zentralheizung. Sehr unterhaltsam, lehrreich und empfehlenswert.

Lohnt sich, mal ausserhalb eines Events hier vorbeizuschauen, den Rucksack zu satteln, und mit was zu Trinken auf die wirklich gut gemachten Stationen zu begeben. Ein Spass für die ganze Familie.

Nun war heute sogar ein Markt organisiert, vieles aus der Römerzeit wurde feilgehalten. Von Kräutern, Schurwolle, Tüchern und gewobenen Bändern wurde anschaulich gezeigt, wie man damals lebte. Geldbeutel aus Leder, Portraits auf Holzstücken, geschrotetes Brot, die Auswahl ist kool.

Uns ziehts ins Legionärslager, fein säuberlich aufgereiht sind da jede Menge Zelte aus Ziegenhautfellen, mit einem Stock davor ist die militärische Einheit bezeichnet. Die Dimensionen der Legion sind respektabel: Bestand zum Beispiel eine Kohorte aus zirka 200 Männern, eine Legion aus 10 Kohorten. Da war eine disziplinierte Übersicht sehr wichtig. Überhaupt waren die Römer sehr strukturiert und mit einer Genauigkeit, von denen „wilde“ Einwohner nur träumen konnten. Deshalb konnte sich Rom auch so ausdehnen- Sie waren die besseren Strategen. Sie haben sich die guten Sachen angeeignet, waren wandelbar und aufgeschlossen gegenüber Neuem.

Im Übrigen befindet sich genau hier eine über zwei Kilometer lange Wasserleitung, gebaut von den Römern, die funktioniert immer noch!

Überall glänzende Panzerrüstungen, Helme, Schilder und Lanzen. Und Männer in Kettenhemden, Tunikas, genagelten Schuhen. Man hat würkli das Gefühl, in einem söttigen Lager zu stehen, es gibt soviel zu entdecken. Da stehen zwei Wachen vor einem Zelt- drin die Heiligtümer der Legion: Fahnen, Embleme, Standarten, prächtig prächtig. Die Legionäre geben bereitwillig Auskunft, toll – Geschichte so hautnah zu erleben!

Wir schreiten das Lager ab und stehen plötzlich unwissend in einem besonderen Teil des Zeltlagers. Hier sind- so erzählt uns ausführlich ein Legionär, bei den Auxiliartruppen.

Den Hä? Auxi… Was?

Sehr intressant und spannend erklärt und der Herr was hier die Aufgabe seiner Abteilung ist. Die Römer hatten immer eine sogenannte Hilfstruppe dabei, welche ohne Pferde und mit Holzschilder leichter und schneller wie die Legion war. Als Späher und „Klarmacher“ gingen sie der Truppe voraus, ihre Behändigkeit und Kraft wurde gefürchtet. Vielmals kam es vor, dass der Hauptharst des Heeres gar keine Schlacht halten musste, weil die Hilfstruppe bereits erfolgreich erobert hatte. Brutal aber effektiv.

Wusst‘ ich nicht, von dieser Truppe höre ich heute das erste Mal. Interessiert hören wir dem Herrn weiter zu, er weis sehr viel und vermag es auch sehr interessant zu erzählen!

Als der Befehl kam –Zu den Waffen!– Und das ganze Lager sich aufstellte um auf dem Exerzierplatz die nächste Schlacht zu üben, gingen wir zu den Handwerkern, betrachten den Schmid, welcher von Hand mit einfachen Mitteln das Feuer glühend hielt. Schauen zu, wie ein Ledergürtel gefertigt wird, die Schnalle kunstvoll verziert wird. Kriegt mag grad Lust, so einen Gurt zu aquirieren…

Nun wollen wir zu der Legion, die ihre Exerzierkünste im Verband zeigt. Sehr interessant zeigen sie, wie vor der Schlacht auch auf die Hilfe der Götter gerufen wird. Ein sehr wichtiger Akt. Wusst ich nicht. Kriegt man bei Asterix so auch gar nicht mit.

Der Sturm aufs Publikum und der anschliessende Auszug hinterlässt bei mir eine tiefe Bewunderung für die Truppe, welche dies nebenberuflich macht.

Wir wandeln nochli bei den Römern, essen eine Wurst, auch ein Gang zum Amphitheater liegt alleweil drin, obwohl schon sommerliche Temperaturen herrschen. Chli Sonnenbrand geht immer…

Mit einem zufriedenen Gefühl verlassen wir diesen sehr gut organisierten Anlass- hätte den Kindern würkli guet gfalle…

Auf dem Heimweg über Land haben wir noch bei der Wallfahrtskapelle Jonental Rast eingelegt- Schon lange wollte ich dieses Bauwerk gogen angucken. Oben auf dem Hügel können wir das Auto parken. Ein steiler, pilgriger Weg führt zu der Waldlichtung im Tal. Eine Kapelle, das Sigristenhaus. Wiese und Bach tief im Tal, umgeben von Wald. Herrlich nach all dem Gewusel in Vindonissa- eine Oase der Ruhe. Wir verpassten den Gesangschor der hier schiinz eine Messe begleitet hat.

Macht nix.

Die Sigristin und wir schätzen die einkehrende Ruhe. Ein herrlicher Kraftort, ich finde unbedingt empfehlenswert! Angucken! Bitte schaut euch die Kapelle und den Pilgerbrunnen an, ein unerwartetes Kleinod- In the middle of nowhere. Am Besten wenns keine Leute hat.

So geht ein wieder einmal ein wunderschöner Ausflug zu Ende- Das Erleben der römischen Legion in Action war sehr eindrucksvoll, schon verrückt, wie evolutionsmässig weit dieses Volk einst war.

Als Gegensatz die christliche Pilgerschar: Wieviel Schönheit an einen so abgelegenen Ort wie bei der Kapelle Jonental herrscht. Andächtig, beeindruckend.

Wir habens extrem genossen!

Veni-Vidi-Oh!

Angeguckt

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