War früher wirklich alles anders?

Ich, als Angehöriger der schwarzen Kunst, als Jünger Gutenbergs, Kenner der Bleilaus habe eine Affinität für schön Gedrucktes und kunstvolle Druckerzeugnisse. Meine Lehrbude hatte noch Lettern, Bleisatz, Punzen. Musste auch lernen Auszuschiessen, Zusammenzutragen, Pudern, was ein Moiré ist, vier Jahre intensiv mit Farbnuancen und Papiereigenschaften auseinandersetzen.

Eine solide, handwerkliche Ausbildung. Ich weiss noch, wie wir über die damaligen Kopiergeräte gelacht haben, wie schlecht doch die Duplikation war. Heute drucke selbst ich Fotos und Bilder über den Billigdrucker in erschreckend guter bestechender Qualität. Und oft wirklich schöner als gedruckt (Wo bleibt da der Berufsstolz, hallo?!).

Ich hab‘ mal in den 1990ern in Interlaken an einem Openair-Flohmarkt eine gebundene Jahresausgabe der „Schweizer Frauen-Zeitung“ aus dem Jahre 1885 ergattert. War mir gar nicht so bewusst, was ich mir da für wenige Franken ergattert habe. Es war eher die alte Schrift, welche mich fasziniert hat, die Zeitung, an welcher man die Handarbeit noch sehen und auch spüren konnte.

Elise Honegger gründete 1879 die wöchentlich erscheinende Zeitung zur „Stärkung der Rolle der bürgerlichen Ehefrau und Mutter, und ihr den Zugang zu breiteren Berufsmöglichkeiten zu verschaffen“.

Wenn man bedenkt, es wurde in diesem Jahr die elektrische Eisenbahn erfunden, die Registrierkasse, die Glühbirne. Das Auto gabs gar noch nicht, die Industrialisierung begann, es war eine durch und durch von Männern bestimmende Gesellschaft. Die Frau hat in dieser Zeit immer hinter ihrem Mann zu stehen und stets ihn und seine Karriere zu fördern…. Hatte weder Recht an Geld oder den eigenen Kindern.

Und in dieser Zeit bringt die progressive Frau eine durchaus erfolgreiche Zeitung heraus. Erst mit ihrem Mann, danach alleine.

Den Jahrgangsband 1885 besitze ich immer noch, und manchmal blättere ich wieder mal drin, und lese einige Artikel.

Immer wieder staune ich, wie aktuell immer noch die Themen darin sind;

-Ein über mehrere Ausgaben dauerndes Essay über wieviel Sackgeld man seinem Kinde geben soll.

-Ob es besser ist, einem kränkelnden Patienten mit offenem oder geschlossenen Fenster zu rekonvaleszieren.

-Es Kindern bei Strafe verboten sei, mit Steinen zu werfen, sich unerlaubt Feldobst oder Früchten anzueignen, das Betreten fremden Eigenthums sei ebenso zu unterlassen. Auch ist das Rauchen sowie der Besuch der Wirtshäuser ohne Eltern oder Pflegeeltern streng untersagt.

– Dass das Tragen einer Brille in der Schule sehr wichtig sei und die veraltete Ansicht, die Brillen seien „Verräterinnen höheren Alters“ (Herrlich, nid?) als nichtig einzustufen sei.

-Allerhand Tipps gegen hartnäckige Flecken geben kann. Wusstest du, dass man Obst-/Tintenflecken mit saurer Milch rausbringen konnte („Einen Tag Einlegen der Schurz voller Zichorienflecken in saurer Milch ohne Zugabe von scharfen Mitteln oder Zitronensaft wurde wieder weiss hergestellt“)?

So finde ich immer wieder ganz spannende Zeitzeugen- und ich muss sagen, an Aktualität hat dieses grossartige Dokument überhaupt nicht eingebüsst.

Im Gegenteil.

Die Zeitung wurde nach dem Tod von der Herausgeberin vom dazumal florierenden Ringierverlag aufgekauft und in ihr unfangreiches Portefeuille aufgenommen. Umbenannt in Frauen- und Modezeitung der Schweiz, rückte die von Frau Honegger angestebte Besserstellung der Frau in der Gesellschaft ins Vergessen.

Ich weis nicht, wieviele dieser Zeitungen noch existieren, aber meinen Band gebe ich nicht her. Noch lange möchte ich stöbern,

staunen,

zustimmen,

Aha-Effekte haben,

schmunzeln.

Täglich

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