Heute „lese“ ich dir was vor- respektive ich zitiere einen ganz interessanten Artikel aus einer Zeitung, der „Schweizer Frauenzeitung“.

Diese erschien von 1878 bis zirka 1886 wöchentlich und wurde von Frau Elise Habegger herausgegeben und in der Kälin‘schen Druckerei in St. Gallen gedruckt. Man konnte für 5.70 Franken ein Jahresabonnement erwerben für diese Schweizer Frauenzeitung. Sie erschien jeweils Sonntags und hatte monatlich sogar noch eine Schnittmusterbeilage.

Ich halte eine gebundene Ausgabe des Jahres 1885 in den Händen welches ich mal in den 1990ern an einem Flohmarkt für 45.— in Interlaken ergattert habe.

Dass ich ein einzigartiges Zeitdokument ergattert hab‘, wurde mir erst bewusst, als ich immer wieder drin rumstöbere, die Artikel lese und mir vorstelle, wie das so im 1885 gewesen sein musste.

Es ist eine absolute Rarität einer von der damaligen Frauenbewegung herausgegebenen Zeitung. Sie war keineswegs provokativ oder gar fordernd, wie man es von feministischen Gruppierungen denken könnte- Der Sinn der Zeiung war eher, der zeitgenössischen Frau eine Stimme zu geben, vorallem akademischen und gebildeten Frauen mit Infos über Anstellungsbedingungen, Bildung für Frauen, Gleichberechtigung und das Frauenstimmrecht (welches in der Schweiz erst 1971 kam!) zu versorgen.

Die Zeitung trug zur Vernetzung von Frauen in der ganzen Schweiz bei, half politische Forderungen öffentlich zu machen, oder gesellschaftliche Wandlungen und Reformationen im Bezug auf die Frau darzustellen.

Dies war zu dieser Zeit würkli sehr gewagt!

Die Akzeptanz der Männer war entsprechend sehr ablehnend oder gar spöttisch, weshalb die Zeitung nur relativ wenige Jahre herausgeben wurde.

Trotzdem ist sie ein sehr wichtiges Zeitdokument, welches man damals wie heute nicht für möglich gehalten hatte.

Auf eine moderate Weise stellte die Schweizer Frauenzeitung die klassische Rolle als Ehefrau und Mutter nicht komplett infrage.

Forderungen wurden oft sehr vorsichtig und recht subtil formuliert, um Akzeptanz auch bei den Kritikern zu finden.

Es war kein offener „Kampf“ gegen Männer oder das System, dafür war die Zeit noch nicht reif.

Das Ziel war eher Überzeugung statt Konfrontation.

Immer wieder lese ich daraus, und bin erstaunt, wie modern und zeitgemäss aktuell diese noch mit inbrünstiger Leidenschaft geschriebenen Artikel doch sind. Sie haben trotz der fast 150 Jahren keineswegs an Aktualität verloren!

Wenn man bedenkt, was damals im Jahr 1885 so passierte:

-Karl Benz entwickelt das erste praxistaugliche Automobil.

-Louis Pasteur entwickelt erfolgreich die erste Impfung gegen Tollwut.

-Die Freiheitsstatue wurde von Frankreich an die USA übergeben.

– Es sollte noch 24 Jahre dauern bis die Titanic gebaut wurde, und nochmals drei Jahre mehr bis sie auf ihrer Jungfernfahrt sank.

-Der Gotthardeisenbahntunnel war bereits 3 Jahre in Betrieb und eine zunehmende wichtige Nord-Süd-Verbindung für den Verkehr.

-Die Industrialisierung begann, das Familienbild war klassisch.

Hier einer der Artikel mit dem Original Wortlaut (Viel Spass beim lesen):

Wo werden die meisten Böcke geschossen?

Im Wald? -Oh nein, in den Krankenstuben!

Es ist ganz unglaublich, wie man oft die Kranken ganz verfehlt behandelt. Wir wollen hier nur auf einige solcher „Böcke“ aus der Krankenstube kurz hindeuten.

Fühlt sich jemand krank, so legt er sich in’s Bett, und das ist gut und nothwendig. Ruhe ist die erste Krankenpflicht.

Nun kommen die Angehörigen und machen besorgte Gesichter und machen – – Feuer. Eingeheizt muß zu allererst werden, daß der Ofen glüht. Das ist der erste und größte Bock, der in der Krankenstube geschossen wird.

Wenn es im Krankenzimmer recht tüchtig kalt ist, dann ist es ja recht und gut, ein bischen zu heizen, aber nicht so, daß es im Zimmer ganz heiß wird? Einen schlimmeren Streich könnte man dem Kranken nicht spielen.

Der nächste Bock wird dann gekocht. kaum liegt der Kranke im Bett, jetzt geht’s los: „Was magst du denn? magst eine Suppe? Kalbfleisch? Gedünstete Äpfel? magst einen warmen Wein? magst Kamillenthee? u.s.w. Kaum ist das eine oder das andere verzehrt oder versucht, geht die Geschichte wieder vorne an. Der liebe Kranke soll ja möglichst rasch wieder gesund werden; wenn er tüchtig essen könnte, dann wäre er gesund. Daß sich aber dieses „tüchtig essen“ nicht erzwingen läßt, das wird übersehen. Daß der Kranke durch das Essen noch viel kränker wird, das will man nicht glauben. Laßt doch den Kranken fasten und Hunger leiden, bis er Euch Grobheiten macht vor lauter Hunger. Ihr könnt ihm keine größere Gefälligkeit erweisen.

Die nächste Sorge der liebevollen Krankenpfleger ist, vom Kranken alle frische Luft ängstlich abzuhalten. O, Das könnte gefährlich werden!!

Auf dem glühenden Ofen stehen Suppenschüsselchen, Milchhäfeli und Theegeschirre und verbreiten einen ächten Küchengeruch im Zimmer. Dazu kommen dann noch Rauchkerzen und Königsrauch und weiß Gott was noch alles, nur ja keine frische Luft. Ihr meint es wohl gut, meine lieben Leute! aber der Kranke sollte Euch eigentlich verklagen, weil Ihr ihm das Erste und Nothwendigste zum Gesundwerden nicht zulasset, nämlich frische Luft.

Der Kranke hat Durst, schrecklich viel. Er darf aber ja kein frisches Wasser trinken, er könnte sich den Magen verkälten. O du lieber Gott! bewahre uns doch vor solchen Krankenwärtern!

Man muß doch zeigen, daß man um den Kranken besorgt ist, darum fragt man ihn alle fingerlang: „Die geht’s denn jetzt? Geht’s besser? thut der Kopf noch so weh? ist es Dir warm genug ober soll ich noch besser schüren?“ u.s.w.

Lasset doch dem Kranken seine Ruh‘!

Ruhe ist auch die erste Krankenwärterpflicht.

Die Bett- und Leibwäsche wechseln – Das hieße ja den Kranken umbringen! – Warum nicht gar!Durch Unreinlichkeit kann man ihm schaden, durch Reinlichkeit kann man ihm nur nützen, wenn man dabei vernünftige Vorsicht anwendet, z.B. keine feuchte Wäsche nimmt u. drgl.

Große Böcke werden bei Kranken auch getroffen durch die Krankenbesuche. Anstatt daß der Kranke Ruhe hätte, kommen alle Hausbewohner, alle Vettern und Basen, Gevattern und Gevatterinnen, Schwäger und Schwägerinnen und alle Neugierigen vom ganzen Ort. Was da dem Kranken allerlei unnützes und schädliches Zeug vorgeschwatzt wird, das ist gar nicht zu beschreiben.

Jagt doch jeden Besuch, der nicht durchaus notwendig ist, zum Haus hinaus, und klebt einen Zeddel an die Thüre: „Alle unnöthigen Krankenbesuche werden höflichst verbeten!“

Eine Erkrankung ist etwas Außergewöhnliches.

Da heißt es „denken“! Wer sonst in seinem Hauswesen nicht denkt und Alles nach alten Schablonen fortmacht, der versteht nie, einen Kranken richtig zu behandeln. Um so rascher soll man einen guten Arzt zu Rathe ziehen und seine Anordnungen genau befolgen.

(Monika.)

Dieser Artikel lässt doch tief in das Geschehen von anno damals blicken. Ich bin überzeugt, dass Monika gerne noch viel direkter geschrieben hätte, oder aber man ihren mit Inbrunst geschriebenen Bericht über die Behandlung von kranken Leuten nochmals „redigierte“, um nicht auf zu grossen männlichen Widerstand zu stossen. Monika hat sicher ein Ereignis, welches sie selber mitmachen musste hier weitergegeben, man merkt ihre Hingabe, das Feuer, die unbändige Wut. Trotzdem schafft man es mit dem Textende, einen „guten Arzt zu Rathe zu ziehen“, eventuell aufkeimende Gegenwehr des maskulin beherrschten Gesellschaft milde zu stimmen.

Ich find diesen Schriftstil recht aufschlussreich, er zeigt den Stellenwert der Frau im beginnenden Industialisierungszeitalter, und wie chancenlos und ungleich behandelt die Frauen damals wurden.

Dieser Jahrband zeigt absolut auch heute noch brennende Themen, welche uns beschäftigen. Hier ein paar Ausschnitte als Bilder. Ich hoffe, die Frakturschrift ist einigermassen lesbar, eine Übersetzung derselben kann an die Expedition des Blogs angefragt werden (hihi- hab mich mitreissen lassen).

Der Band ist voll solcher kleiner Perlen, welche uns eintauchen lassen, in eine längst vergangene Welt. Aber keineswegs alt und verstaubt. Sondern mit heute noch aktuellen Themen.

Auch die Inserate, welche die Kosten der Herausgabe der Wochenzeitung unterstützten, sind herrlich und manchmal recht kunstvoll umgesetzt.

Ein verstaubtes Artefakt und wertloser Regalfüller?

Kann sein.

Aber für mich etliche gemütliche und vergnügliche Stunden die ich mit Blättern und lesen verbringe. Es hat die einmalige Haptik einer im Buchdruck produzierten Zeitung aus dem Jahr 1885.

Wer’s kennt, versteht mich.

Der darf auch mal drin blättern.

Würde er mich zu Rathe ziehen…

Kategorien: Coole Sache

1 Kommentar

christahartwig · April 8, 2026 um 06:37

Ich kann dein Vergnügen an dieser Lektüre sehr, sehr gut verstehen.

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