Ab und zu lassen mich gewisse kleine Sachen doch noch hoffnungsvoll aufhorchen, und trotz vieler negativer Meldungen zringseltum wieder etwas vertrauensvoller in die Zukunft blicken. In den heutigen verrückten Zeiten von Ungewissheit, Schnelllebigkeit und Kurzatmigkeit tun solche Veranstaltungen wie so ein «Chrööpfelimee» der eigenen Seele sowas von gut. Es lässt uns etwas zuversichtlicher nach vorne schauen, dass wir trotz den üblen globalen Wirbeln doch noch ebitz hoffen können, aufeinander zugehen zu können, miteinander unser Dasein auf dieser Erde zusammen friedlich leben dürfen, und uns ab so einer herzigen, einzigartigen Tradition freuen.

Ich war am diesjährigen Chrööpfelimee in der Stadt Zug dabei, und möchte hier von meinen Eindrücken berichten.

Zu diesem doch recht uniquen Brauches findet man folgende Erklärung:

Das «Chrööpfelimee» in der Stadt Zug erinnert an eine alte Sitte (aus dem 16. Jahrhundert) zu Ehren frisch verliebter Menschen. Wenn ein Junge an einem Mädchen Gefallen fand, wurde er, wenn die Gefühle gegenseitig waren, von den zukünftigen Schwiegereltern am Alt Fasnachtssonntag nach Hause eingeladen und mit Wein und Krapfen (Chrööpfeli) bewirtet. Freunde des Paares stellten sich am selben Abend vor dem Haus auf und sangen allerlei neckische und zärtliche Lieder. Das Ständchen verdankte das Liebespaar mit einem Korb voll Krapfen und Wein, der an einem Seil von einem Fenster heruntergelassen wurde. Gab es nicht genug, rief der Chor «No mee Chrööpfeli!» –>Chrööpfelimee!

Mehrere Gruppen mit Sängerinnen und Sängern sind einmal im Jahr zu diesem Anlass singend, musizierend und auch ab und zu kostümiert in der Zuger Altstadt unterwegs. Ihre Ständchen bringen sie überall dort, wo ein rotes Laternli im Fenster brennt. Denn hier wohnt ein verlobtes oder frisch verheiratetes Liebespaar, das besungen werden soll.

Dieses Ereignis wollte ich schon längst mal miterleben, es war jedoch meist kalt (man bedenke es ist tiefer Februar) und nass, und ich hatte keine Lust stundenlang im Regen zu stehen, pflotschnass und frierend den Gruppen zuzuhören.

Aber in diesem Jahr 2026 verheisst der Abend perfekt zu werden, Temperaturen fast im zweistelligen Plusbereich, keine Wolken, es schien eine sternenklare Nacht zu werden.

So parkieren wir unseren GlossyCrossy gegen Abend im Parkhaus Casino und schlendern gemütlich Richtung Altstadt. Es hat schon einige Leute hier, eine zufrieden aufgeräumte Stimmung überall in den Gassen war deutlich zu spüren und endlich lebt diese schöne Altstadt durch den Menschenauflauf wieder etwas.

Bereits in der Oswaldsgasse sehen wir ein liebevoll geschmücktes Fenster im ehemaligen «Londoner Pub». Grad war keine Darbietung im Gange, also spazieren wir weiter auf den Kolinplatz. Hier hat’s recht viele Leute welche sich um den schönen Brunnen sammeln, ein Liebespaar steht erwartungsvoll und prominent auf dem Balkon des Hotel Ochsen.

Wir staunen ab der Qualität der Darbietungen, die mit Inbrunst vorgetragenen Ständchen, und die Interaktionen mit dem Liebespaar auf dem Balkon. Ganz ganz gut gemacht, und super inszeniert. Hier kommen wir in den Genuss von drei bis vier Gesangsgrüppchen.

Jedes anders, jedes auf seine Weise.

Ich bin ganz gerührt.

Weiter geht’s unter dem frisch renovierten Zytturm durch (da kann man für gratis den Schlüssel holen und in die Feuerstube rauf gogen Aussicht gucken), stehen wir schon zmitzt drin in einer Ansammlung von Leuten, es trällert schon die nächste Gesangskombo vor dem Rathauskeller. Es ist glaube ich eine Truppe von der ZUWEBE, die machen ihre Sachen auch sehr gut!

Wir spazieren nach ein paar Liedern weiter durch die Oberaltstadt, der Gesang füllt die Gassen mit Musik, und fröhlichen Gesichtern. Dann geht’s quer zur Unteraltstadt, und im alten Kunsthaus ist wieder das Fenster reich mit roten Herzlis geschmückt.

Hier haben sie grad Pause und wir gehen weiter bis wir wieder zum Rathauskeller kommen, wo ein anderes Grüppli kulinarische Gesänge zum Besten gibt. Der Dirigent ist ein Koch, seine Sänger und Sängerinnen sind verkleidet als Salzstreuer, Gurke, Huhn, Ketchupflasche, Banane, Erdbeere, Bohne, Weinflasche… Ein buntes Küchensammelsurium. Sehr gut gemacht und äusserst unterhaltsam.

Den „Java Jive“ kenn‘ ich noch allzugut aus meiner Zeit als Bass im Spezi-Chor…

„A cup, a cup, a cup…„

Hust!

Unter dem ehemaligen «Hecht» durch geht’s zum Restaurant Fischerstube, wo wir einen Chor hören, der uns eine wohlige Gänsehaut hervorruft. Erst hört man gar nichts, dann ganz leise, und sanft erklingen wohlgefallende Lieder. Das Liebespaar reicht standesgemäss Wein und Chrööpfeli, also diese Darbietung war absolut erstklassig. Langsam wird es dunkel, und die auch mit Lichtern geschmückten Fenster sowie die singenden Grüppchen beginnen zu leuchten. Wir gehen zum Restaurant Schiff, hier steht ein Fenster geschmückt weit offen, die Gesangstruppe ist voll im Element.

Wenn man bedenkt, dass die alle ihre Gesänge Acapella darbieten, zollt unseren grossen, ehrwürdigen Respekt.

Es ist jedes Mal eine eigene, schöne Atmosphäre, die Leute welche darumstehen sind alle fröhlich, die Stimmung ist aufgeräumt und zuversichtlich.

Ein herrlicher Abend in einer wunderschönen Altstadt mit viel schönen Darbietungen.

Das gefällt uns sehr.

Eine letzte Station nehmen wir noch mit, Wir gehen in die Neugasse, zum Haus, das wir schon mal an einem Denkmaltag besichtigen durften.

Hier stehen etwa 10 Herren in gelben Overalls und Bauhelmen. Auch sie bringen ein paar Ständchen, und kriegen als Belohnung Wein und Krapfen.

Wir haben diesen abendlichen Spaziergang sehr genossen, es hatte recht viele Leute, welche wie wir mithorchten, mitliefen und die Darbietungen genossen haben.

Wir stellen uns vor, das muss ja ein recht anstrengender Marathon einerseits für die zehn bis fünfzehn Gesangsgrüpplis sein von Fenster zu Fenster zu singen, als auch die zehn bis fünfzehn Liebespäärchen immer wieder die Fenster zu öffnen um die Darbietungen zu geniessen, hihihi.

Zufrieden schlendern wir nochmals auf den Kolinplatz, lauschen dem Chörli welches wir schon bei der Fischerstube hörten, hier auf dem verkehrsreichen Platz geht ihre feine Unterhaltung fast ein bisschen unter, aber glänzende Augen sind wie der Applaus sicher!

Wir gehen danach zurück zum Auto und fahren zufrieden nach Hause.

So eine spezielle Tradition (gibt es diese auch anderswo auf dieser Welt?) ist es auf alle Fälle wert, aufrecht zu behalten, sei es als Liebes Pärchen, als Gesangsgrüppli oder auch als Zuschauer. Ein einmaliger Event, welcher immer am Sonntag nach Aschermittwoch in der Stadt Zug stadtfindet.

Auch nächstes Jahr.

Das Chrööpflimee hat es sogar als Brauch in das Verzeichnis der «Lebendigen Traditionen der Schweiz» geschafft.

Somit ist das Zuger Chrööpfelimee Teil des immateriellen UNESCO-Kulturerbes.

Wie ich noch im Nachhinein erfahre, wurde damals vor vielen Jahren auch meine Tante mit meinem Götti bei meinen Grosseltern zuhause an der Oswaldsgasse 5a besungen!

So schön.

Passt!

Kategorien: Angeguckt

3 Kommentare

christahartwig · März 6, 2026 um 08:35

Von diesem Brauch lese ich hier zum ersten Mal. Wie schön!

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